Verlaufsmodifizierende Therapie (Immuntherapie)
Die verlaufsmodifizierende Therapie umfasst Medikamente, die über einen längeren Zeitraum eingenommen oder angewendet werden.
Sie können den Verlauf der Multiplen Sklerose günstig beeinflussen.
Bei etwa 80–90 % der Betroffenen beginnt MS mit Schüben.
Ziel der verlaufsmodifizierenden Therapie
Ziel der Therapie ist es,
- die Anzahl der Schübe zu verringern oder zu verhindern
- eine langsam fortschreitende Verschlechterung (z. B. der Gehfähigkeit, des Gleichgewichts oder der Konzentration) zu verlangsamen
- das Auftreten neuer Entzündungsherde im MRT zu reduzieren
Da diese Medikamente in das Immunsystem eingreifen, werden sie auch Immuntherapeutika genannt.
Wie unterscheiden sich die Medikamente?
Die verfügbaren Medikamente unterscheiden sich unter anderem:
- darin, wie sie auf das Immunsystem wirken
- in der Art der Anwendung (Tabletten, Spritzen oder Infusionen)
- in der Häufigkeit der Anwendung
(von zweimal täglich bis einmal pro Jahr) - in ihrer Wirkstärke
- in ihren möglichen Nebenwirkungen
Ein wichtiges Maß für die Wirksamkeit ist außerdem, wie gut neue Entzündungsherde im MRT verhindert werden können.
Wirksamkeitsgruppen der Immuntherapie
Die Immuntherapeutika lassen sich anhand ihrer Wirkung auf Schübe und MRT-Aktivität in drei Wirksamkeitsgruppen einteilen.
Wirksamkeitskategorie 1
Reduktion der Schubrate um 30–50 % im Vergleich zu Placebo.
Dazu gehören Beta-Interferone, Glatirameroide, Dimethylfumarat, Diroximethylfumarat und Teriflunomid.
Wirksamkeitskategorie 2
Reduktion der Schubrate um 50–60 % im Vergleich zu Placebo.
Dazu gehören Cladribin und Sphingosin-1-Phosphat-Rezeptormodulatoren (Fingolimod, Ozanimod, Siponimod, Ponesimod).
Wirksamkeitskategorie 3
Reduktion der Schubrate:
- um mehr als 60 % gegenüber Placebo
oder - um mehr als 40 % gegenüber Medikamenten der Kategorie 1
Dazu gehören Alemtuzumab, Natalizumab und Anti-CD20-Antikörper (Ocrelizumab, Ofatumumab, Rituximab (off-label), Ublituximab).
Wirkung braucht Zeit
Der Nutzen der Therapie wird in der Regel erst nach 6–12 Monaten beurteilt.
Was ist das Ziel der Immuntherapie?
Die Immuntherapie soll:
- Schübe verhindern oder reduzieren
- eine schleichende Verschlechterung ohne Schübe verlangsamen
- neue Entzündungsherde im MRT vermeiden
Die volle Wirkung zeigt sich nicht sofort.
Re-Baselining-MRT
Etwa 3–6 Monate nach Beginn der Therapie wird häufig ein sogenanntes
Re-Baselining-MRT durchgeführt.
Dieses MRT dient als neuer Ausgangspunkt, um später beurteilen zu können,
wie gut das Medikament die Entzündungsaktivität im Gehirn beeinflusst.
Neue Schübe oder Herde kurz nach Therapiebeginn bedeuten nicht automatisch, dass die Therapie nicht wirkt. Oft hat sie ihre volle Wirkung noch nicht entfaltet.
Was kann die Immuntherapie nicht?
MS ist derzeit nicht heilbar. Bereits entstandene Entzündungsherde oder Narben können nicht rückgängig gemacht werden.
Die verfügbaren Therapien sind sehr wirksam darin,
- neue entzündliche Aktivität zu unterdrücken
- weitere Schädigungen von Nerven und Myelinscheiden zu verhindern
Weniger gut beeinflusst werden können:
- langsam im Hintergrund ablaufende Entzündungen
- bereits entstandene Gewebeschäden
Fortschritte durch moderne Therapien
Trotzdem leben heute viele Menschen mit MS mit deutlich weniger oder sogar ohne Einschränkungen als solche, deren Erkrankung vor der Einführung moderner Immuntherapien begann.
Wann beginnt man mit einer Immuntherapie?
Die allgemeine Empfehlung lautet: Sobald die Diagnose MS gesichert ist, sollte mit einer Immuntherapie begonnen werden.
Unbehandelte MS ist langfristig häufiger verbunden mit:
- bleibender Behinderung
- Einschränkungen im Berufsleben
- geringerer Lebensqualität
Studien zeigen, dass ein früher Therapiebeginn, bereits in den ersten Monaten nach der Diagnose, einen langfristigen Vorteil hat.
Bereits entstandene Schäden können nicht repariert werden, aber neue Schäden können deutlich reduziert oder verhindert werden.